
Regionale Unterschiede bei Gesundheitskosten: Was verraten Umzüge innerhalb der Schweiz über Angebot und Nachfrage?
Die Gesundheitskosten unterscheiden sich in der Schweiz stark je nach Region. Mit Daten zu Personen, die innerhalb des Landes umziehen, zeigen wir: Rund 60% dieser Unterschiede sind eher nachfragegetrieben, rund 40% eher angebotsgetrieben.
Schweizer Versorgungsregionen: grosse Kostenunterschiede
Im Durchschnitt liegen die jährlichen Pro-Kopf-Kosten in unserem Datensatz über alle Versorgungsregionen (Hospital Service Areas, kurz HSAs) bei rund CHF 2’400 – zugleich sind die Unterschiede substanziell. HSAs sind funktionale Versorgungsräume (in der Schweiz 74), die anhand von Patientenströmen definiert sind und regionale Analysen entlang tatsächlicher Versorgungswege erlauben. Besonders hohe Ausgaben finden sich in urbanen Zentren wie Genf und Basel-Stadt, während zentrale deutschsprachige Regionen tendenziell tiefer liegen; die Rangfolge der Regionen über die Jahre ist erstaunlich stabil.

Umzüge als Identifikationsstrategie
Wenn Menschen von einer Versorgungsregion in eine andere ziehen, wechseln sie nicht nur die Adresse, sondern auch das lokale Versorgungsumfeld. Genau diese Veränderung nutzen wir, um zu messen, wie stark sich die Inanspruchnahme nach einem Umzug an das neue regionale Niveau anpasst: Zieht zum Beispiel jemand aus einer teuren Genfersee-Region in die vergleichsweise günstige Region Uri, dann würden bei einem 100-prozentigen Angebotseffekt die Gesundheitskosten nach dem Umzug sofort auf das tiefere Uri-Niveau fallen. Bei einem 100-prozentigen Nachfrageeffekt würde dieselbe Person ihren Konsum dagegen gar nicht anpassen und trotz Umzug auf dem hohen ursprünglichen Niveau bleiben.
Wir verwenden administrative Daten der CSS (2010–2022) und verfolgen Personen, die einmalig über HSAs hinweg umziehen und nach dem Umzug tatsächlich einen grossen Teil ihrer Leistungen in der Zielregion beziehen. Der empirische Ansatz folgt dem Movers-Design von Finkelstein et al. (2016) und wird als Event-Study umgesetzt. Sprich wir schauen uns jeweils die Jahre vor und nach einem Umzug an und aggregieren über die Umzüge aller unserer Zügler hinweg. Die CSS-Daten sind reich an Detailinformationen und erlauben eine präzise Verfolgung individueller Verläufe um den Umzug. Allerdings müssen sie nicht repräsentativ für die gesamte Wohnbevölkerung sein, insbesondere im Fall von Umzügen, welche einen Versicherungswechsel begünstigen könnten. Deshalb replizieren wir zusätzlich die zentralen Resultate mit Individualdaten des BAG (gesamte Wohnbevölkerung, 2019–2023). Dies dient zur externen Validierung.
Nachfrageseite mit 60% Haupttreiber
Für die Gesamtkosten zeigt unsere Analyse, dass der grössere Teil der regionalen Unterschiede auf die Nachfrageseite zurückgeht: Rund 60% lassen sich durch nachfrageseitige Faktoren erklären. Zu diesen zählen mögliche Unterschiede in Gesundheitszustand und Morbidität, Altersstruktur, Risikoverhalten, Gesundheitskompetenz, sozioökonomische Lage, aber auch Präferenzen und Erwartungen an medizinische Versorgung. Die restlichen 40% fallen entsprechend auf angebotsseitige Faktoren unter anderem wie Dichte und Zusammensetzung von Anbietern, Erreichbarkeit oder regionale Praxisstile.

Auch Angebot prägt Kosten je Leistungsbereich
Die Angebotswirkung ist je nach Leistungsbereich sehr unterschiedlich. Besonders wenig angebotsgetrieben sind Bereiche mit stärkerer Patientenpräferenz bzw. geringerer ärztlicher Diskretion – etwa verschreibungspflichtige Medikamente (14%) oder Physiotherapie (33%).
Deutlich stärker angebotsgetrieben sind Leistungen mit mehr Spielraum in Diagnostik und Behandlungsintensität wie Labor (42%) oder Hausarzt-Gesamtkosten (57%). Auch innerhalb der Spezialistinnen und Spezialisten sind die Unterschiede gross – etwa zwischen Gynäkologie (33%) und Chirurgie (67%) was dazu passt, dass chirurgische Leistungen häufiger eingriffsbezogene Entscheidungen beinhalten, während viele gynäkologische Leistungen stärker standardisiert sind. Ein aufschlussreiches Muster zeigt sich bei den Hausärzten: Der erste Kontakt (Hausarzt-Besuch) ist vergleichsweise weniger angebotsgetrieben, die Folgeleistungen (und damit die Gesamtkosten) dagegen deutlich stärker – konsistent mit der Idee, dass Anbieter besonders die Behandlungsintensität prägen.

Jüngere reagieren stärker auf Versorgungsumgebung
Bei den unter 45-Jährigen ist die geschätzte Angebotskomponente mit 68% deutlich höher als bei den über 45-Jährigen (30%). Das spricht dafür, dass jüngere Personen ihre Inanspruchnahme nach einem Umzug stärker an das neue regionale Versorgungsniveau anpassen – etwa, weil sie weniger durch chronische Erkrankungen und etablierte Behandlungspfade gebunden sind und dadurch flexibler auf lokale Strukturen reagieren.
Nach Geschlecht sind die Gesamteffekte insgesamt sehr ähnlich, was darauf hindeutet, dass Männer und Frauen im Aggregat vergleichbar stark auf regionale Unterschiede reagieren. Auf der Ebene einzelner Leistungsarten zeigen sich jedoch teils Abweichungen: bei bestimmten Leistungen wie z.B. Laborleistungen unterscheiden sich die Anpassungsmuster deutlich.
CSS-Daten repräsentativ
In den BAG-Daten fällt die geschätzte Angebotskomponente der totalen Kosten niedriger aus (rund 22%). Der Unterschied erklärt sich vor allem dadurch, dass dort wichtige Einschränkungen (z.B. «nicht exponierte» Umzüge oder Umzüge aufgrund gesundheitlicher Veränderungen) nicht gleich umgesetzt werden können. Die Angebotswirkung wird dadurch mechanisch nach unten verzerrt. Interessanterweise verschwinden die Unterschiede weitgehend, sobald wir in den CSS-Daten dieselben (weniger restriktiven) Kriterien anwenden wie in den BAG-Daten: Ohne diese relevanten Einschränkungen liegt die geschätzte Angebotskomponente auch in den CSS-Daten bei nur rund 19% und damit sehr nahe am BAG-Wert. Es zeigt sich also, dass die CSS-Daten den Gesamtmarkt sehr gut abdecken und sogar von Vorteil sein können, aufgrund des Detailgehalts.
Was bedeuten dies für Politik und Versorgung?
Erstens: Ein grosser Teil regionaler Kostenunterschiede hängt mit der Nachfrageseite zusammen. Reine Angebotssteuerung kann daher nur einen Teil der Varianz adressieren.
Zweitens: Dort, wo die Angebotswirkung hoch ist (z.B. Diagnostik, chirurgische Leistungen, Intensität von Behandlungen), sind gezielte Hebel besonders relevant – etwa über Anreize, Leitlinien, Transparenz oder organisatorische Modelle, die Behandlungsentscheidungen strukturieren.
Fazit
Umzüge innerhalb der Schweiz liefern einen selten klaren Blick darauf, warum Gesundheitskosten regional so stark variieren. Insgesamt sind Unterschiede eher nachfrage- als angebotsgetrieben – aber je nach Leistungsbereich und Altersgruppe verschieben sich die Gewichte stark. Genau diese Differenzierung ist entscheidend, wenn man Massnahmen zur Effizienzsteigerung gezielt dort ansetzen will, wo sie am meisten bewirken.


