
Was passiert, wenn der eigene Hausarzt in die Ferien geht?
Wenn der eigene Hausarzt vorübergehend nicht verfügbar ist, bricht die Nachfrage nach Gesundheitsleistungen dramatisch ein — obwohl andere Ärzte weiterhin erreichbar wären. Die persönliche Beziehung zum Hausarzt erweist sich damit als eine der stärksten Triebkräfte der Gesundheitsnachfrage.
Die Hausarztpraxis ist für die meisten Menschen das Tor zum Gesundheitssystem. Hier werden chronische Krankheiten betreut, Überweisungen ausgestellt und Rezepte erneuert. Doch wie stark hängt die Nachfrage nach Gesundheitsleistungen tatsächlich davon ab, dass genau dieser eine Arzt verfügbar ist — und nicht einfach irgendein Arzt? Die Antwort auf diese Frage ist gesundheitspolitisch hochrelevant: Geht es beim Zugang zur Grundversorgung primär um die Anzahl verfügbarer Ärzte, oder vielmehr um die spezifische Beziehung zwischen Patient und Arzt?
Ferienabwesenheiten als natürliches Experiment
Diese Frage kausal zu beantworten ist schwierig, denn Angebot und Nachfrage im Gesundheitswesen beeinflussen sich gegenseitig. Ärzte lassen sich dort nieder, wo Patienten sind — und umgekehrt beeinflusst das lokale Angebot, wie viel Gesundheitsleistungen in Anspruch genommen werden. Einfache Vergleiche zwischen Regionen mit vielen und wenigen Ärzten können deshalb in die Irre führen.
Wir umgehen dieses Problem mit einem neuartigen Ansatz: den vorübergehenden Ferienabwesenheiten von Hausärzten. Diese Absenzen — in der Regel ein bis drei Wochen lang — werden durch die persönliche Ferienplanung der Ärzte bestimmt und sind damit unabhängig vom kurzfristigen Gesundheitszustand ihrer Patienten. Entscheidend ist: Während der Abwesenheit ändern sich weder die Versicherungsdeckung noch die Kostenbeteiligung der Patienten, und auch die übrigen Ärzte in der Region bleiben verfügbar. Es verändert sich also nur eines: Der eigene Hausarzt ist vorübergehend nicht erreichbar.
Unsere Analyse basiert auf Abrechnungsdaten der CSS für rund 1.8 Millionen Versicherte über den Zeitraum 2014 bis 2024. In einem zweistufigen Event-Study-Design vergleichen wir die wöchentliche Gesundheitsversorgung von Patienten, deren Hausarzt abwesend ist, mit einer zeitgleichen Kontrollgruppe ähnlicher Patienten, deren Hausarzt durchgehend verfügbar bleibt.

Die Nachfrage bricht zusammen — ohne Ausweichen auf andere Ärzte
Das Hauptergebnis ist eindrücklich: Während der Ferienabwesenheit des Hausarztes sinkt die wöchentliche Wahrscheinlichkeit eines Grundversorgungsbesuchs um 5.4 Prozentpunkte — ein Rückgang von rund zwei Dritteln gegenüber dem Normalwert von 7.9 Prozent. Die Rohdaten zeigen diesen Einbruch ohne jede statistische Aufbereitung: Sobald der Hausarzt abwesend ist, fällt die Besuchsrate auf 1 bis 2 Prozent. Nach seiner Rückkehr normalisiert sie sich sofort wieder.
Besonders bemerkenswert ist, was nicht passiert: Die Patienten weichen kaum auf andere Anlaufstellen aus. Facharztbesuche gehen sogar um 10 Prozent zurück, was die informelle Rolle des Hausarztes als Türöffner für spezialisierte Versorgung unterstreicht. Notfallbesuche steigen zwar leicht an, aber dieser Anstieg gleicht lediglich rund 1 Prozent des Rückgangs in der Grundversorgung aus. Stationäre Spitaleintritte bleiben gänzlich unverändert. Unsere Event-Study-Schätzung bestätigt dieses Muster: Der Einbruch beschränkt sich exakt auf die Abwesenheitswochen, ohne Vorzeichen und ohne Nachholeffekt.

Erhebliche Kosteneinsparungen — ohne erkennbare Gesundheitsfolgen
Der Nachfragerückgang schlägt sich direkt in den Ausgaben nieder. Die wöchentlichen Gesamtkosten sinken um CHF 17.70, was einer Reduktion von 19 Prozent entspricht. Dieser Rückgang verteilt sich breit: gesamte Arztkosten fallen um 24 Prozent, Medikamentenkosten ebenfalls um 24 Prozent, und auch die Kosten für nichtärztliche ambulante Leistungen gehen deutlich zurück.
Entscheidend ist, dass sich nach der Rückkehr des Hausarztes keinerlei Nachholeffekte zeigen — weder bei den Besuchen noch bei den Kosten. Auch treten in den zwei Monaten nach der Rückkehr keine vermehrten Spitaleintritte auf. Die während der Abwesenheit unterlassene Versorgung scheint also zumindest kurzfristig nicht medizinisch dringend gewesen zu sein. Wie die folgende Grafik zeigt, gilt dies unabhängig davon, ob der Hausarzt eine, zwei oder drei Wochen abwesend ist: Der wöchentliche Kostenrückgang ist nahezu identisch, und selbst bei einer dreiwöchigen Abwesenheit — und damit einer erheblichen Menge an unterlassener Versorgung — zeigen sich danach weder Nachholeffekte noch negative Gesundheitsfolgen.

Nicht das Angebot zählt — sondern die Beziehung
Eine naheliegende Erklärung für den Nachfragerückgang wäre, dass Patienten schlicht keinen anderen Arzt in der Nähe finden. Unsere Daten sprechen jedoch klar gegen diese Hypothese. Wir unterteilen die Stichprobe nach der Anzahl lokal verfügbarer Hausärzte und finden: Der Rückgang in der Grundversorgung ist statistisch nicht unterscheidbar, egal ob am Wohnort nur 1 bis 3, 4 bis 10, oder mehr als 10 alternative Hausärzte praktizieren. Dasselbe gilt für die Gesamtkosten.

Dieses Ergebnis zeigt, dass die Hürde nicht in Suchkosten oder langen Anfahrtswegen liegt, sondern in der spezifischen Beziehung zwischen Patient und Arzt. Über Jahre aufgebautes Vertrauen, geteiltes Wissen über die Krankengeschichte und die gewachsene Vertrautheit — dieses «Beziehungskapital» lässt sich offenbar nicht einfach auf einen anderen Arzt übertragen. Die meisten Patienten verzichten lieber ganz auf den Arztbesuch, als sich an einen unbekannten Arzt zu wenden.
Auch Patienten mit chronischen Erkrankungen — also jene mit dem grössten objektiven Versorgungsbedarf — weichen während der Abwesenheit ihres Hausarztes kaum auf andere Ärzte aus. Im Gegenteil: Die Beziehungsbarriere ist gerade dort am höchsten, wo der medizinische Bedarf am grössten ist — vermutlich weil das bei einer komplexen Krankengeschichte aufgebaute Beziehungskapital besonders schwer zu ersetzen ist.
Was bedeutet das für die Gesundheitspolitik?
Unsere Ergebnisse haben drei zentrale Implikationen. Erstens zeigen sie, dass die persönliche Arzt-Patienten-Beziehung eine der mächtigsten Triebkräfte der Gesundheitsnachfrage ist — wirkungsvoller als Preisanreize oder die reine Anzahl verfügbarer Ärzte. Politische Massnahmen, die allein auf den Ausbau der Kapazität setzen, könnten daher weniger wirksam sein als erhofft, wenn sie die Bedeutung von Kontinuität in der Arzt-Patienten-Beziehung nicht berücksichtigen.
Zweitens legen die Ergebnisse nahe, dass ein erheblicher Teil der routinemässigen Grundversorgung zumindest kurzfristig verzichtbar ist, ohne dass messbare Gesundheitsschäden auftreten. Dies bedeutet nicht, dass diese Leistungen keinen Wert haben — doch es deutet darauf hin, dass ein relevanter Anteil der Nachfrage nicht durch akute medizinische Notwendigkeit getrieben wird.

Drittens verdeutlichen unsere Ergebnisse die zentrale Rolle des Hausarztes als informeller Gatekeeper: Sein Wegfall reduziert nicht nur die Grundversorgung, sondern die gesamte nachgelagerte Versorgungskette — insbesondere auch Facharztbesuche. Die folgende Grafik zeigt, dass dieser Rückgang bei Facharztbesuchen über alle Versicherungsmodelle hinweg auftritt, am stärksten jedoch bei Versicherten im Standardmodell mit freier Arztwahl. Die freiwillige Bindung an den eigenen Hausarzt steuert den Zugang zu Spezialisten also offenbar mindestens so wirksam wie formale Überweisungspflichten in Gatekeeping-Modellen.
Die Studie unterliegt dabei einigen Einschränkungen: Der Beobachtungszeitraum nach der Rückkehr des Hausarztes beträgt lediglich rund zwei Monate, längerfristige Gesundheitsfolgen können daher nicht ausgeschlossen werden. Auch ist die Schweiz mit ihrer hohen Arztdichte, der universellen Versicherungspflicht und dem Einzelleistungstarif ein spezifischer Kontext. Dennoch liefert die Studie eine klare Botschaft: Die Beziehung zum eigenen Arzt ist keine Nebensächlichkeit des Gesundheitswesens, sondern eine fundamentale Institution, die Nachfrage, Kosten und Versorgungswege massgeblich prägt.


